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Books
Leseprobe - Mit Kompass und Korsett
Reisende Entdeckerinnen
von Gisela Lipsky, Bärbel Arenz

ars vivendi – April 2009 – 176 Seiten
ISBN 3-89716-418-5
34,00 €


Schlaraffenträume
Unter Kopfjägern und Kannibalen
Ida Pfeiffer (1797-1858)

„Die dürren Schädel, die in dem starken Zugwind aneinander klapperten, der unbeschreibliche, erstickende Gestank, der von dem frischen Kopfe ausging, der Anblick der Leute, die noch sehr aufgeregt schienen und beständig um mein Lager kreisten, als schon alle Feuer erloschen waren, brachte mich um Schlaf und Ruhe. Ich setzte mich aufrecht und meinte, jeden Augenblick das Messer schon an meinem Nacken zu fühlen. Erst gegen Morgen sank ich ermüdet und erschöpft auf mein Lager zurück.“ 
Kein Wunder, dass Ida Pfeiffer nicht ruhig schlafen kann – die Wienerin hat sich als erste Weiße unter die Kopfjäger im Dschungel von Borneo gewagt. In jener Nacht mag sich die waghalsige Biedermeierdame gefragt haben, wie um alles in der Welt sie dort hingeraten konnte. Die Antwort ist im Vorwort ihres Bestsellers „Eine Frauenfahrt um die Welt“ nachzulesen:
„Wie es den Maler drängt, ein Bild zu malen, den Dichter, seine Gedanken auszusprechen, so drängt es mich, die Welt zu sehen.“
Es sieht von Anfang an so aus, als sei an der kleinen Ida Laura ein Junge verloren gegangen. Puppen interessieren das Mädchen nicht, sie tollt lieber in Hosen herum und spielt mit Säbel und Gewehr. 1797 in die Wiener Kaufmannsfamilie Reyer geboren, hat Ida dieselbe strenge Erziehung wie ihre Brüder erhalten. Vater Reyer verlangt den Kindern die gleiche Disziplin ab, die ihm selbst zum Erfolg verholfen hat. Die Mahlzeiten sind karg, Sonderwünsche gibt es nicht. Doch als Ida neun Jahre alt ist, stirbt der Vater, und die Mutter setzt den „verkehrten Ideen“ ein Ende. Die Tochter soll sich endlich wie ein Mädchen benehmen, Röcke tragen, Klavierspielen und Handarbeiten lernen.
In ihrer Autobiographie schreibt Ida:
„Wie lächerlich musste ich in den langen Kleidern aussehen, als ich dabei noch immer lief und sprang und mich in allem benahm wie ein wilder Junge!“
...
Zeitgenossen beschreiben Ida Pfeiffer als kleine, unauffällige Person von zurückhaltendem und bescheidenem Wesen. Sie ist stets dunkel gekleidet und versteckt das aus praktischen Gründen kurz geschnittene Haar – eine für die Biedermeierzeit höchst unschickliche Haartracht – unter einer Haube. Ihre Reisen bereitet sie minutiös vor, mit dem Ziel, möglichst viel zu sehen und dabei möglichst wenig auszugeben: 
„Durch meine Ersparnisse erhielt ich Summen, mit denen Reisende wie der Fürst Pückler-Muskau höchstens auf einer vierzehntägigen Badereise ausgekommen wären, die mir, der einfachen Pilgerin, aber zu zwei- und dreijährigen Fahrten genügend schienen.“
Das wenige Geld reicht tatsächlich, denn Frau Pfeiffer reist „wie der ärmste Araber“ – mit kleinem Gepäck und geringer Barschaft, dafür aber mit vielen Empfehlungsschreiben. Hat sie einmal keine Adresse, an die sie sich wenden kann, schläft sie in einfachen Herbergen oder zur Not gar im Freien. Auch beim Essen ist sie nicht wählerisch und begnügt sich mit dem, was die Einheimischen essen.

„Mundet mir ihre Kost nicht, so fehlt mir der echte Hunger, und da heißt es denn so lange fasten, bis er so tüchtig wird, dass man jedes Gericht gut findet.“